Wann wurde aus dem Volksfest eigentlich ein Brauereifest?
Ein Bürgermeister, ein Holzhammer, ein Fass Bier. Zwei Schläge, das Bier läuft, die Menge jubelt, die Kameras klicken – das Volksfest ist eröffnet. Das ist ein Bild, das wir alle kennen. So selbstverständlich, dass mir erst beim Lesen eines aktuellen Berichts über das Dorfener Volksfest eine ziemlich einfache Frage durch den Kopf ging:
Warum eröffnet eigentlich ein alkoholisches Getränk ein Fest für die gesamte Bevölkerung?
Nicht falsch verstehen: Ich mag bayerische Volksfeste. Aber irgendwann scheint aus diesem „gehört dazu“ etwas anderes geworden zu sein. Bier ist auf vielen Volksfesten nicht einfach ein Angebot unter vielen. Es hat eine klar dominante Sonderstellung.
Da gibt es den feierlichen Einzug der Festwirte, die Bierprobe und natürlich den Anstich. Wir diskutieren über den Preis der Maß und lesen anschließend, wie viel Bier ausgeschenkt wurde. Brauereieigentümer und -vertreter stehen selbstverständlich neben Bürgermeistern und anderen Honoratioren auf der Bühne. Häufig ist der Ausschank eng an örtliche oder regionale Brauereien gebunden.
Und dann steht da der Bürgermeister und schlägt den Zapfhahn in das Fass. Er setzt sich zur Eröffnung nicht in das erste Karussell. Er wirft keinen Ball an der Wurfbude und kauft auch nicht das erste Los. Er zapft Bier. Erst danach ist offiziell Volksfest.
Ist das wirklich Brauchtum?
Je länger ich darüber nachdenke, desto weniger abwegig finde ich den Begriff Machtsymbolik.
Damit meine ich nicht, dass irgendwo Brauereichefs sitzen und Bürgermeistern vorschreiben, was sie zu tun haben. Das wäre eine ziemlich platte Vorstellung von Macht. Interessanter ist doch, dass niemand mehr etwas vorschreiben muss.
Der Bürgermeister übernimmt diese Rolle freiwillig. Die Presse berichtet über die Zahl seiner Schläge, über Festbier und Bierpreis. Das Publikum wartet auf das „O’zapft is“. Und kaum jemand wundert sich darüber, dass ausgerechnet das Produkt einer Brauerei diesen privilegierten Platz bekommen hat.
Vielleicht zeigt sich kulturelle Macht genau dort: wenn ihre Symbole so selbstverständlich geworden sind, dass wir sie gar nicht mehr als solche wahrnehmen. Die Brauereien müssen ihre herausgehobene Stellung nicht mehr erklären.
Wir haben sie längst zum Brauchtum erklärt.
Ohne Schausteller kein Volksfest. Aber auch ohne Bier?
Mich beschäftigt dabei besonders die Rolle der anderen. Ein Volksfest besteht aus Schaustellern und Fahrgeschäften, Essensständen, Musikern, Vereinen, Bedienungen, Technikern, Sicherheitskräften und vielen weiteren Menschen. Familien kommen wegen der Fahrgeschäfte, Jugendliche treffen Freunde, Vereine gestalten Festzüge und Musiker sorgen dafür, dass überhaupt Feststimmung entsteht.
Nehmen wir all das weg und lassen nur das Bier übrig. Was bleibt dann vom Volksfest? Drehen wir die Frage um und nehmen das Bier weg: Fahrgeschäfte, Musik, Essen, Begegnung, Vereine, Festzug und Unterhaltung wären immer noch da.
Das heißt nicht, dass wir das Bier wegnehmen sollten. Aber es wirft die Frage auf, warum ausgerechnet ihm die Ehre zukommt, das Ganze symbolisch zu eröffnen.
„Das ist halt Tradition“
Auch dieser Satz lohnt einen zweiten Blick. Das Oktoberfest gibt es seit 1810. Der heute berühmte offizielle Fassanstich durch den Münchner Oberbürgermeister kam erst 1950 dazu. Fast 140 Jahre Wiesn ohne das Ritual, das heute wie ein unverrückbarer Bestandteil bayerischer Kultur erscheint.
Traditionen waren eben nicht schon immer Traditionen. Irgendjemand hat irgendwann damit angefangen. Wenn etwas oft genug wiederholt wird, verschwimmt die Erinnerung daran, dass es einmal anders war.
Irgendwann heißt es nur noch: Das gehört eben dazu. Und dann wird es schwierig, noch die Frage zu stellen:
Warum eigentlich?
Genau diese Frage gehört auch zur Prävention
Wir investieren viel in Alkoholprävention. Wir klären Jugendliche über Risiken auf und sprechen über Abhängigkeit, Unfälle, psychische Begleiterkrankungen und einen verantwortungsvollen Umgang mit Alkohol. Gleichzeitig schicken wir eine bemerkenswert starke kulturelle Botschaft:
Bier gehört nicht nur zum Volksfest. Bier eröffnet das Volksfest.
Diesen Widerspruch darf man ansprechen, ohne jemandem seine Maß wegnehmen zu wollen.
Für mich beginnt Prävention nicht im Klassenzimmer, erst bei Promillegrenzen oder bei der Frage, wie viel jemand trinkt. Sie beginnt auch dort, wo wir darüber nachdenken, was wir gesellschaftlich für selbstverständlich erklären.
Gerade bei Jugendlichen können wir schlecht auf der einen Seite über einen reflektierten Umgang mit Alkohol sprechen und auf der anderen Seite so tun, als hätten unsere eigenen Rituale mit dieser Normalisierung überhaupt nichts zu tun.
Muss der ritualisierte Anstich weg?
Ich fände das nicht einmal schlecht, wenn man demonstrativ mit alkoholfreiem Bier ansticht. Alkohol muss und darf nicht diesen Stellenwert haben!
Warum eröffnet ein Bürgermeister das Volksfest nicht jedes Jahr gemeinsam mit andereb Schaustellern, Vereinen, Musikern, Festwirten und der Brauerei?
Warum bekommt alkoholfreies Bier nicht selbstverständlich dieselbe Sichtbarkeit?
Und warum sollte beim Anstich nicht einmal der Satz fallen:
Genießt unser Volksfest. Ohne Drogen!
Bayerische Lebensfreude würde daran vermutlich nicht zugrunde gehen.
Vielleicht wäre das sogar eine ziemlich sympathische Weiterentwicklung unserer Tradition. Denn mir geht es am Ende gar nicht darum, gegen jede Art von Bier zu argumentieren.
Mich interessiert eine andere Frage:
Wann wurde aus dem Volksfest eigentlich ein Brauereifest?
Und wer entscheidet eigentlich, dass es so bleiben muss?